Warum Aberglaube auch in Russland so vielen Stars hilft - Hamburger Abendblatt, 23. Juni 2018

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

Hamburger Abendblatt, 23. Juni 2018

Warum Aberglaube auch in Russland so vielen Stars hilft

Moskau.  Mario Gomez erleichtert sich links außen, Jordi Alba setzt auf besondere Mundhygiene, und Dele Alli kann ohne seine uralten Schienbeinschoner nicht auflaufen: Der Aberglaube der Fußballstars treibt auch bei der WM in Russland merkwürdige Blüten. Kurz vor dem Anpfiff spielen wissenschaftliche Prinzipien in den Köpfen der Profis keine Rolle mehr. Dann zeigen sie Verhaltensmuster, die mit Logik auf den ersten Blick kaum zu erklären sind – und doch irgendwie Sinn ergeben.

„Rituale vermitteln Sportlern das Gefühl, Kontrolle über bestimmte Situationen zu haben, die sich nicht beeinflussen lassen“, sagt Mentalcoach Matthias Herzog, „in der Psychologe sprechen wir hier von Kontrollillusion.“ Wenn ein Sportler an die Kraft eines Glücksbringers glaube, helfe ihm das tatsächlich. Die Fußballer finden in den immer gleichen Handlungen vor dem Spiel Sicherheit – auf ihre ganz persönliche Art und Weise. Englands Alli greift zu denselben Schienbeinschonern, seit er elf ist. „Ich habe ein halbes Jahr lang andere benutzt, aber das war kein gutes Gefühl“, sagt der 22-Jährige. Belgiens Thibaut Courtois zelebriert seinen Spleen während der Nationalhymne. Wenn die TV-Kamera vor dem Keeper steht, fasst er sich kurz ans Kinn. Spaniens Linksverteidiger Alba ist zu dem Zeitpunkt schon mit seiner Marotte durch: Er putzt sich wenige Minuten vor dem Gang in die Arena die Zähne.

Rituale gab es auch früher schon. Das niederländische Idol Johan Cruyff spuckte vor dem Anpfiff gerne sein Kaugummi in die Hälfte des Gegners, Laurent Blanc setzte vor jedem Spiel bei Frankreichs WM-Triumph 1998 ein dickes Bussi auf die Glatze seines Torwarts Fabien Barthez. Und Englands Stürmer Gary Lineker verzichtete beim Warmmachen aufs Toreschießen. Er wollte keinen Treffer unnötig verschwenden. „Während die Trainingswissenschaft auf Wahrscheinlichkeiten und statistischen Analysen basiert, ist dieses Ursache-Wirkung-Prinzip bei Ritualen nicht nachweisbar“, sagt Herzog: „Das ist Trainern wie Sportlern aber egal. Sie glauben daran, das ist entscheidend.“ Und so dürfte Gomez vor dem Spiel gegen Schweden wieder auf seinen gewohnten Ablauf vertrauen. Der Torjäger des VfB Stuttgart geht auf der Toilette immer ans Pissoir links außen.

(SID)

Quelle: https://www.abendblatt.de/sport/article214665697/Warum-Aberglaube-auch-in-Russland-so-vielen-Stars-hilft.html

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