„Ohne Kovac wäre Bayern aktuell erfolgreicher“ bild, 08. Oktober 2018

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

bild, 08. Oktober 2018

„Ohne Kovac wäre Bayern aktuell erfolgreicher“

Wie viel Kopf-Problem steckt in der Bayern-Krise?

Der deutsche Rekordmeister stürzte nach sieben Pflichtspiel-Siegen zum Saison-Start in den letzten beiden Wochen ab. Vier sieglose Spiele in Folge. Der Bayern-Bankrott! Und Trainer Niko Kovac (46) steht nach seinem Super-Beginn jetzt hart in der Kritik.

Wie konnte dieser Blitz-Absturz des Superstar-Teams passieren?

Im BILD-Interview erklärt Sportpsychologe, Motivationstrainer und Vortragsredner Matthias Herzog (41), was bei den Münchner aktuell schiefläuft.

BILD: Spielt die Mannschaft gegen ihren Trainer?

Herzog: „Aktuell sieht es stark danach aus, dass die Spieler zumindest unbewusst gegen den Trainer spielen. Es muss den Spielern tatsächlich gar nicht bewusst sein, dass sie durch ihr Verhalten alles dafür tun, dass der Trainer bald weg ist. Einige dürften sich jedoch denken: ‚Letztes Jahr wurde Ancelotti unerwartet ersetzt und das hat uns gut getan. Warum jetzt nicht auch Kovac? Gut, Heynckes wird nicht ans Telefon gehen. Aber mit Zidane ist ein überragender Trainer auf dem Markt, der sehr gut zu uns passen würde. Bei dem könnte ich auch daran glauben, dass wir die Champions League gewinnen können. Der weiß, wie das geht.‘ Sobald diese Gedanken in den Köpfen der Spieler auftauchen, ändert das alles bei einem Spieler.“

BILD: Niko Kovac redet mit seinem Bruder Robert und Torwart-Trainer Toni Tapalovic auch vor dem anderen Co-Trainer Peter Hermann kroatisch. Ist das ein Problem?

Herzog: „Kovac hat ein Kommunikationsproblem. Kroatisch mit dem Stab untereinander zu sprechen, da fühlen sich Spieler und der zweite Co-Trainer Peter Hermann überflüssig, sie denken, die hätten etwas zu verbergen, auch wenn es gar nicht so ist. Ohne Kovac auf der Bank würden die Bayern aktuell erfolgreicher spielen. Die Trainer werden von der Mannschaft aktuell nicht angenommen und nicht akzeptiert.“

BILD: In der Kabine brodelt es.

Herzog: Die ersten Spiele geht sowas meist noch gut. Da findet sich eine Mannschaft oder eben nicht. Metapher: Ein Apfel verfault auch oft erst innen, wenn er runter gefallen ist und erst später sehen wir das außen und schmecken das auch. Ähnlich ist es bei der Mannschaft. Die Motivation geht langsam in den Keller. Es beginnt erst leise zu rumoren, dann kommen die ersten lauten Stimmen (wie James) und dann wird die ganze Mannschaft angesteckt. Ein fauler Apfel im Obstkorb steckt die anderen Äpfel an. So auch in einer Mannschaft. Einer ist unzufrieden, dann kommt der nächste dazu usw. Am Anfang lässt sich das noch auf dem Feld ausgleichen. Wenn jedoch zu viele Äpfel gammeln bzw. Spieler unzufrieden sind, fehlt es an Leistung auf dem Platz und Spiele gehen verloren. Das ist ein schleichender Prozess.“

BILD: Analysieren Sie bitte einmal die Situation – warum zeigt kein Star Normalform?

Herzog: „Die Einstellung stimmt aktuell bei keinem Spieler. Es ist kein Aufbäumen sichtbar. Die Spieler ergeben sich ihrem Schicksal. Sie reden seit mehreren Spielen davon, dass sie Taten folgen lassen wollen. Diese sind nicht sichtbar. Die Ursache dürfte darin liegen, dass es in der Kommunikation mit dem Trainerteam mangelt. Das Verhältnis Trainer zur Mannschaft scheint gestört.“

BILD: Haben die Superstars ein Kopf-Problem?

Herzog: „Anders lässt sich diese Entwicklung nicht erklären. Die Spieler haben ja nicht plötzlich das Fußballspielen verlernt. Das wäre im Alltag so, als wenn wir Jahre lang Fahrrad fahren konnten und plötzlich brauchen wir wieder Stützräder. So geht es den Bayern gerade auf dem Platz.“

BILD: Wie kann das Selbstvertrauen so schnell verschwinden bei so gestandenen Profis?

Herzog: „Die Aussage der Spieler ‚Das Selbstvertrauen geht weg bei schlechten Spielen‘ ist bei einer Weltklassemannschaft wie Bayern wenig nachvollziehbar. Die Mehrzahl der Spieler hat so viele Erfolge vorzuweisen, so eine Erfahrung. Erstens kann da so schnell das Selbstvertrauen nicht weg sein und falls doch, muss die Mannschaft in der Lage sein, sich wieder selbst rauszuholen. Bei den jungen Spielern wie Gnabry oder Goretzka lasse ich ‚fehlendes Selbstvertrauen‘ gelten. Wenn wir uns hingegen Spieler wie Hummels, Robben, Ribéry, Müller, Boateng anschauen, die haben schon alles erlebt – Siege wie Niederlagen. Für die sollte es unter normalen Umständen ein leichtes sein, mit so einer Situation umzugehen. Deshalb liegt das eigentliche Problem viel tiefer. Die Bayern haben ein Kopfproblem, an dem die Trainer ihren Anteil haben.“

BILD: Warum fehlt Kovac Akzeptanz? Verhalten sich die Stars zu divenhaft?

Herzog: „Spieler akzeptieren am ehesten Trainer, die selbst als Spieler und/oder Trainer Titel gewonnen haben. Ist das nicht der Fall, muss der Trainer eine besondere Ausstrahlung haben und besondere kommunikative Fähigkeiten. Das war bei Thomas Tuchel und Jürgen Klopp der Fall in ihren Anfängen als Trainer. Kovac konnte mit Bayern damals als Spieler Weltpokal, Meisterschaft und DFB-Pokal gewinnen. Das ist ganz okay, aber er trifft im Bayern-Kader auf Champions-League-Sieger und Weltmeister. Das macht ihm den Einstand schon mal schwerer. Das durfte Jürgen Klinsmann damals schon erfahren und der hatte als Spieler große Erfolge vorzuweisen, war jedoch als Trainer noch relativ unerfahren.“

BILD: Aber Kovac hat die Bayern immerhin im Pokal-Finale mit Eintracht Frankfurt geschlagen.

Herzog: „Nur das ist nicht der beste Einstand, wenn der neue Trainer direkt vor Amtsantritt einem die letzte Saison versaut hat. Der Titel mit Frankfurt war für Kovacs Reputation zwar sehr gut. Nur schwingt das auch ein wenig mit, denn die Bayern-Spieler wollten Jupp Heynckes nach dem Champions-League-Aus zumindest das Double schenken. Und das hat Kovac mit seinen Frankfurter Jungs den Bayern vermasselt. Und wir erinnern uns, wie angefressen die Bayern das Stadion verließen. Das wirkt noch nach.“

BILD: Wie wichtig ist nun die Ablenkung bei den Länderspielen?

Herzog: „Die Nationalmannschaft bietet den Spielern die Chance, die Stimmung wieder aufzubessern und Selbstvertrauen zu tanken mit guten Spielen gegen die Niederlande und Frankreich. Die Herausforderung ist jedoch, dass im gesamten Nationalkader aktuell wenige Spieler sind, die ein hohes Selbstvertrauen ausstrahlen. Am ehesten dürften noch Julian Draxler und Timo Werner gut drauf sein. Marco Reus von Dortmund fehlt. Toni Kroos erlebt mit Real selbst aktuell eine Krise und macht Fehler, die keiner von ihm vorher kannte. Da scheint es starke Parallelen zu den Bayern zu geben. Auf jeden Fall haben die Spieler die Chance, abzuschalten von der aktuellen Situation bei ihren Vereinen und die Herausforderung ‚Neuaufbau der Nationalmannschaft‘ voran zu treiben. Sollte das schief gehen gegen Topgegner wie Frankreich und die Niederlande, werden die Spieler wenig motiviert zu ihren Vereinen zurückkehren. Das dürfte Bayern und somit Kovac dann zusätzlich schaden vor dem Spiel beim VfL Wolfsburg.“

BILD: Wie kriegt Kovac die Mannschaft wieder hinter sich?

Herzog: „Er muss seine zwischenmenschliche Kommunikation verbessern, vor allem auf der Beziehungsebene die Spieler abholen, damit das Vertrauen der Spieler gewinnen. Zweites Thema: Souveränität, Selbstvertrauen ausstrahlen, überzeugt sein, ohne arrogant zu wirken. Zuletzt braucht er einen klaren Klarer Plan – das heißt: seine Top-Elf finden und einen Plan B sowie C für ein Spiel entwickeln, wenn es weiter nicht läuft. Die Herausforderung ist tatsächlich, die aktuelle Situation zu drehen. Ich wünsche es mir für Kovac, aber aktuell habe ich wenig Hoffnung, dass er das Ruder gedreht bekommt.“

BILD: Wie kommen die Spieler aus der Krise wieder raus?

Herzog: „Erstens: Die Spieler müssen ganz klar lernen, Sach- und Beziehungsebene zu trennen. Der Trainer trifft die Entscheidungen. Die Spieler nehmen Entscheidungen oft persönlich und denken sich: ‚Der Trainer mag mich nicht.‘ Darum geht es jedoch gar nicht. Es geht um die Sache – Fußball! Die Spieler sind Profis und haben die Entscheidungen des Trainers zu akzeptieren. Die Spieler nehmen sich oft zu wichtig. Es geht um das Wohl des Teams und des Vereins. Da kann nicht Rücksicht auf Einzelschicksale genommen werden. Zweitens: Wenn die Spieler sich an vergangene Erfolge erinnern, wie letzte Saison, wo sie auch in so einer Situation unter Ancelotti waren und innerhalb von einer Woche alles gedreht hatten und plötzlich extrem erfolgreich und überzeugend spielten. Drittens: Dann sollten sich die Spieler die Fragen stellen: ‚Was lief bisher gut? Was machen wir in Zukunft besser?‘ Das hilft enorm weiter. Schulzuweisungen sind das letzte, was die Spieler und den Verein aktuell weiterbringt. Viertens: Das alles setzt jedoch voraus, dass der Trainer Kovac an sich arbeitet. Der Fisch stinkt immer vom Kopf! Kovac muss als Vorbild vorangehen und den Spielern zeigen, dass er bereit ist, seine Fehler einzugestehen und die zu beheben.“

Quelle: https://www.bild.de/bild-plus/sport/fussball/fussball/psychologe-zur-bayern-krise-was-bei-kovac-kommunikation-schieflaeuft-57713884.bild.html
von: PHILIPP KESSLER
Foto: Dennis Brosda

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