Nicht Gott, sondern Gottvater - tz, 05. Dezember 2018

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

tz, 05. Dezember 2018

Diagnose Narzisst: Psychologe analysiert Verhalten von Uli Hoeneß

Warum macht er das? Bayern-Präsident Uli Hoeneß wirft mit seinem aktuellen Verhalten immer häfiger diese Frage auf. Der 66-Jährige wirkte bei der Jahreshauptversammlung und an den folgenden Tagen kritikresistent. Hoeneß spricht stattdessen von seinem „tadellosen Ruf“, scheint zu verkennen, dass sich mehr und mehr Fans von ihm abwenden. Woran liegt das? Die tz wagt mit Sportpsychologe und Mentaltrainer Matthias Herzog eine Ferndiagnose.

„Uli Hoeneß ist zu hundert Prozent ein Narzisst“, sagt Herzog. „Macht, Anerkennung, Rache/Kampf sind die drei Lebensmotive, die bei ihm sehr ausgeprägt sind. Dazu ist die Team-Orientierung extrem niedrig.“ Ein Beispiel: Früher habe Hoeneß die Meinung verfolgt, dass sich Franz Beckenbauer als Präsident nicht ins Tagesgeschäft einzumischen habe. Jetzt, wo Uli selbst das Amt innehat, sieht das offenbar anders aus. Herzog glaubt: „Er ist der Präsident und alle anderen haben nichts zu sagen.“

Hoeneß setze in seinem Umfeld auf Menschen, „die extreme Jasager und Marionetten“ sind. Ein Teufelskreis, denn Narzissten fehlt die Fähigkeit der Selbstreflexion.

Der Sportpsychologe: „Hoeneß erinnert an einen Diktator, der nur darauf guckt, was er alles geschafft hat. Er meint, dass die Fans ihn dafür feiern müssten – und nicht wegen vermeintlicher Pingeligkeiten kritisieren.“

In Anlehnung an Ulis Breitsei- te gegen Ex-Trainer Louis van Gaal im März 2013 („Sein Prob- lem ist, dass er sich nicht für Gott hält, sondern für Gottvater“) sagt der Experte: „Hoeneß denkt auch, er sei nicht Gott, sondern Gottvater. Statt FC Bayern müsste es FC Uli heißen.“ Aktuell sei der Präsi besonders dünnhäutig, weil ihn die sportliche Situation unzufrieden macht. „Im Moment ist es der Dauerzustand, dass er keine Kontrolle über seine Emotionen hat. Und wenn die Emotionen hochkochen, geht der Verstand runter.“

Abhilfe kann da nur jemand schaffen, der Hoeneß das eigene Handeln widerspiegelt. Früher war das Matthias Sammer, in Zu- kunft könnte Oliver Kahn so einen Gegenpart bilden. Das Problem für Herzog: „Diese Personalie wird spannend, weil Hoeneß keine Macht abgeben kann. Das ist wie bei einem familiengeführten Unternehmen, in dem der Patriarch nicht loslassen kann.“ Der Sportpsychologe weiter: „Hoeneß ist gefangen in seiner Position und macht sich jetzt kaputt, was er über Jahre aufgebaut hat. Das ist schade!“

Nach 21 Monaten in Haft wirkte der Münchner Patron Anfang 2016 milder, der Steuersünder schien weitreichende Erkenntnisse erlangt zu haben. Herzog erklärt: „Es gibt extrem emotionale Erlebnisse, die einen Menschen verändern können. Dazu gehört auch der Freiheitsentzug.“ Der sei für Narzissten besonders schwer zu ertragen, weil man keine Selbstkontrolle hat und einen gewissen Stillstand ertragen muss. Herzog: „Früher hat Hoeneß an der Börse spekuliert, hatte seine Wurstfabrik. Er konnte immer Dinge gestalten, das Verlangen danach hat sich im Gefängnis aufgestaut. Umso mehr hat er nach seiner Freilassung Schritt für Schritt wieder die Macht ergriffen.“

Der Experte meint, dass während der fast zweijährigen Haftzeit kaum eine Persönlichkeitsentwicklung bei Hoeneß stattgefunden hat.

Und deshalb heißt es beim Rekordmeister heute, O-Ton Herzog: „‚Mia san ich‘ statt ‚Mia san mia‘.“ JONAS

Quelle: tz, AUSTERMANN

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