bild.de, 20. April 2017

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

bild.de, 20. April 2017

Motivationstrainer Matthias Herzog zum Horror-Crash in der Formel 4

Darf sich Billy (17) jemals Unfall-Bilder anschauen?

Billy Monger muss sich jetzt an ein komplett neues Leben gewöhnen.

Die schrecklichen Folgen eines schlimmen Unfalls im Motorsport!
Dem Nachwuchspiloten Billy Monger (17) mussten nach seinem verheerenden Crash am Sonntag beim Formel-4-Rennen im englischen Donington Park beide Unterschenkel amputiert werden.

Laut Mongers Management sei die Amputation unumgänglich gewesen. Der 17-Jährige befinde sich im künstlichen Koma, solle aber in den nächsten Tagen aufgeweckt werden. Sein Zustand sei kritisch aber stabil, hieß es zunächst.

Das Leben wird für den 17-Jährigen nie wieder so sein, wie vorher.

Wie können Monger und seine Familie am besten mit der Situation umgehen? BILD sprach mit dem Sportpsychologen Matthias Herzog (40).

Für Matthias Herzog sind jetzt vor allem die Eltern und die Freunde von Billy Monger gefragt.

Matthias Herzog: Erst einmal hoffe ich, dass sein Gehirn keine bleibenden Schäden davon trägt und er bei „klarem Verstand“ aufwacht. Wichtig in dieser Situation ist, Billy die Wahrheit zu sagen. Es bringt nichts, um den heißen Brei herum zu reden oder zigmal zu betonen: „Du hättest auch tot sein können.“ Das will keiner in der Situation hören. Was Billy jetzt braucht, sind Menschen an seiner Seite, die für ihn da sind, Verständnis für seine Situation haben und ihm so stark gegenüber treten, wie sie können. Er braucht Menschen, die für ihn da sind und seine Trauer auffangen. Mitleid ist hingegen komplett kontraproduktiv. Billy darf nicht den Eindruck haben, dass seine Familie noch weniger damit umgehen kann als er. Dann könnte er beginnen, sich zusätzlich noch Sorgen um seine Lieben zu machen, was ihn psychisch wie physisch zusätzlich belasten würde.

BILD: Wie wird Monger selbst reagieren?

Herzog: Billy dürfte am Boden zerstört sein, da sein größter Traum, einmal Formel 1 zu fahren, auf jeden Fall zerplatzt ist. Das ist so, als wenn einem der Lebenssinn genommen wird. Das sollte jeder im Hinterkopf haben, der mit ihm in Kontakt ist. Das können viele Menschen selbst nicht nachvollziehen, sollten jedoch großes Verständnis dafür aufbringen.

BILD: Wie sehr verändert ein solcher Unfall einen Menschen?

Herzog: So ein Unfall kann einen Menschen zum Positiven oder Negativen verändern. Es gibt Menschen, die ein Leben lang mit ihrem Schicksal hadern, depressiv werden oder sich im schlimmsten Fall das Leben nehmen, weil ihnen der Lebenssinn fehlt und sie sich zusätzlich als Belastung für ihr Umfeld sehen.

Billy ist Sportler. Ich bin mir sicher, dass er langfristig gestärkt und positiv damit umgehen wird.
Der ehemalige Skirennläufer und erfolgreichste Paralympics-Sportler aller Zeiten Gerd Schönfelder hat mir mal erzählt: „Rückblickend ist es sogar positiv, was mir passiert ist. Ich habe heute einen ganz anderen Blick aufs Leben. Ich bin menschlich und persönlich daran gewachsen. Ich weiß das Leben viel mehr zu schätzen.“

BILD: Wie richtet man den jungen Mann wieder auf, um ihm neuen Lebensmut zu schenken?

Herzog: Wenn Billy etwas Distanz zu dem Unfall gewonnen hat, helfen Vergleiche mit anderen Sportlern, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben und damit sehr erfolgreich umgehen. Allein in Deutschland haben wir Sportler wie Markus Rehm und Vanessa Low, die großartige Leistungen erzielen und auch persönlich sehr gut mit ihrer Situation umgehen. Sie sind gleichwertige Menschen wie wir. International finden wir ebenfalls viele Sportler wie Pistorius oder Alessandro Zanardi, die alle ihre Beine verloren haben. Low und Zanardi sind sogar oberschenkelamputiert, was noch extremer ist als im Fall von Billy. Alle haben es im Sport bis ganz nach oben geschafft. Zanardi zum Beispiel ist weiter Autorennen gefahren, wurde Olympiasieger im Handbiken.

BILD: So verrückt es klingt: Kann Billy dem Unfall vielleicht irgendwann etwas Positives abgewinnen?

Mit etwas Abstand kann Billy auch reflektieren und dürfte erkennen, welches Glück er hatte. Er hätte auch querschnittsgelähmt sein können. Dann hätte er noch seine Beine gehabt, könnte aber niemals wieder laufen. Oder er hätte seine Arme verlieren können, was mit viel größeren Einschränkungen im Alltag verbunden ist. Beinverletzungen können heute sehr gut behandelt werden. Trotz der amputierten Beine wird er dank Prothesen in wenigen Jahren fast wieder so laufen können, wie vorher.

BILD: Was sollten die Eltern und Freunde dabei beachten?

Herzog: Die Familie und Freunde sind die wichtigsten Bezugspersonen, die als sein Umfeld einen riesigen Einfluss auf seine Genesung haben. Wichtig ist für Eltern, Freunde und Management, Billy als vollwertigen Menschen zu behandeln und ihm auch die entsprechende Wertschätzung entgegen zu bringen. Viele glauben, ihm einen Gefallen damit zu tun, wenn sie ihn bemitleiden, ihm so viel wie möglich abnehmen oder ihn tausende Male für Dinge loben, die auch er problemlos bewältigen kann. Ihm vieles abzunehmen ist für den Beginn seiner Genesung okay. Um jedoch wieder schnellstmöglich ins Leben zurück zu finden, braucht Billy einerseits Unterstützung und gleichzeitig die Stärkung und den Glauben durch sein Umfeld, dass er ein vollwertiger Mensch ist, der sein Leben eigenständig gestalten kann und erfolgreich in dem wird, was er zukünftig anpackt.

BILD: Was kann Monger selber machen, um wieder den Weg zurück ins Leben zu finden?

Herzog: Billy braucht schnellstmöglich einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel, für das es sich lohnt, drauf hinzuarbeiten. Das kann eine andere Sportart sein oder das Ziel, es im Rennsport weiterhin so weit wie möglich nach oben zu schaffen. Ob er nochmals in den Rennsport geht, hängt davon ab, wie er den Unfall verarbeitet. Zanardi liebt den Rennsport und ist ihm bis heute treu geblieben.

BILD: Wie lange kann es dauern, bis man eine solche Tragödie psychisch überwunden hat?

Herzog: Die Verarbeitung dieser Tragödie hängt von so vielen Faktoren ab, dass es schwierig ist, hier eine genaue Vorhersage zu treffen. Je nach Persönlichkeitsstruktur brauchen einige Menschen länger, um mit einer Tragödie umzugehen, während andere ziemlich schnell damit abschließen und den Blick direkt wieder in die Zukunft richten. So kann Billy den Unfall in wenigen Monaten, nach wenigen Jahren oder ggf. auch gar nicht überwinden. Da ist jetzt Billys Umfeld gefragt, ihm die nötige Stärke und Unterstützung mit auf den Weg zu geben.

BILD: Sollte sich Monger nochmal genauestens mit dem Crash auseinandersetzen oder sollte er sich besser nie wieder Bilder davon anschauen?

Herzog: Eine Konfrontation macht nach etwas zeitlichem Abstand Sinn, abhängig von der Stärke seiner Psyche. Es gilt, diesen Unfall bestmöglich abzuschließen und als Vergangenheit abzuhaken. Das erfolgt am besten mit Unterstützung eines Psychologen.

Billy wird zwar sein Leben lang durch das Fehlen seiner „echten“ Beine an den Unfall erinnert werden, in der Regel ist es jedoch sehr hilfreich für die Genesung, sich nochmals damit zu beschäftigen.  

Quelle: http://www.bild.de/bild-plus/sport/motorsport/billy-monger/darf-er-sich-nach-seinem-crash-jemals-die-unfall-bilder-ansehen-51369216,view=conversionToLogin.bild.html#remId=1564474673959664526

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