Münchner Merkur, 29. Oktober 2021 - Mit Nagelsmann wäre das nicht passiert

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

Münchner Merkur, 29. Oktober 2021

Motivationsexperte Matthias Herzog über den Zusammenbruch der Bayern in Gladbach

München – Der Blackout vom Bökelberg – wie erklärt das ein Profi? In unserer Zeitung verrät Sportpsychologe Mat- thias Herzog, weshalb der FC Bayern mit Julian Nagels- mann (fehlt am Samstag bei Union wohl erneut corona- bedingt) an der Seitenlinie nicht verloren hätte.

Herr Herzog, wie lässt sich die 0:5-Niederlage der Bayern in Mönchengladbach aus psychologischer Sicht erklären?

Das ist der typische Blackout. Das kennen wir aus der Schule oder dem Job. Plötzlich ist alles weg, was wir mal ge- lernt haben. Wir fühlen uns förmlich gelähmt. Das Ge- hirn funktioniert nicht wirk- lich, und beim Fußballer sind es vor allem die schweren Beine. Das fühlt sich dann an wie Blei in den Schuhen.

Wähnten sich die Bayern zu sicher?

Die Mannschaft wurde in den letzten Wochen von allen hochgelobt bis zum Himmel. Das ging bereits über den Götterstatus hinaus. Fast schon Gottvaterstatus. Da kann sich schnell mal eine Überheblichkeit ein- schleifen. Da fehlt dann eine Grundspannung bei der Mannschaft. Zudem ging es komplett anders los, das erste Tor in den ersten zwei Minuten, und schon fangen die Bayern an nachzudenken: „So war das nicht gedacht. Das kennen wir doch von früher. Die letzten Male ha- ben wir im Borussia-Park auch nicht so gut ausgese- hen. Oh, nicht dass das schon wieder so läuft wie die letzten Male.“ Zack, steht es 2:0 und 3:0. Und spätestens da haben alle Spieler die Ho- sen sprichwörtlich voll. Ner- vosität kommt dazu. Keiner im Team, der sich aufbäumt und Ruhe reinbringt. Absolute Führungslosigkeit.

Wäre das Spiel mit Julian Nagelsmann an der Seitenlinie anders verlaufen? Am Samstag in Berlin fehlt er ja wohl erneut.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das mit Julian nicht passiert wäre. Auf dem Platz und auch im Trainerteam war keiner zu sehen, der mal laut geworden wäre und sich aufgebäumt hätte. Julian ist dafür bekannt, dass er emotional abgeht wie ein Zäpfchen, auf- und abspringt. Und bei der Spielentwicklung wäre er ir- gendwann komplett eskaliert. Wenn es überhaupt so weit gekommen wäre ...

Wie wichtig ist Nagelsmann als Antreiber und Motivator an der Seitenlinie?

Überlebenswichtig. Ich kenne das ja selbst von meinen Vorträgen. Online können wir die Emotionen nicht so gut übertragen wie live vor Ort. Das sind Welten. Bei einem vollen Stadion hörst du den Trainer zwar nur schwer an der Seitenlinie, du nimmst aber seine Mimik und Gestik wahr. Und Julian ist jemand, den kannst du nicht übersehen als Spieler. Das nimmst du im Augenwinkel war, wenn der ausrastet. Der Trainer vor Ort kann direkt ins Spielgeschehen eingreifen, hat ganz andere Möglichkeiten. Er kann vor allem auch auf die Auswechselspieler anders einwirken oder Spieler mal beiseite nehmen in Spielunterbrechungen. Das fehlte, weil sein Vertreter Dino Toppmöller, der ein hervorragender Trainer ist, aus meiner Sicht überfordert war.

Interview: Philipp Kessler, Manuel Bonke

FOTO: SVEN SIMON

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