Irgendwann hielt er sich für unbesiegbar - TZ, 05. Mai 2022

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

TZ, 05. Mai 2022

Irgendwann hielt er sich für unbesiegbar

Mentalcoach Herzog über mögliche Ursachen des Becker-Niedergangs

Der (Steuer)-Fall des Boris Becker wirft viele Fragen auf: Wie konnte es so weit kommen, dass einer der größten deutschen Sporthelden nicht nur sein Vermögen, sondern jetzt auch noch seine Freiheit verlor? Welches Maß an Selbstüberschätzung ist dafür nötig? Und was können wir für unser Leben daraus lernen? Das tz-Interview mit Mentaltrainer und Wirtschaftsingenieur Matthias Herzog.

Herr Herzog, wurde Boris Becker zur Hilflosigkeit erzogen?

Herzog: Spitzensportler wie Becker kennen oft das wahre Leben nicht. Sie brauchen sich um nichts zu kümmern. Sie wissen, wann sie wo zu sein haben, was sie zu tun haben. Nicht nur das eigene Denken wird ihnen abgenommen, sondern auch das Handeln außerhalb des Sports.

Eine Anleitung zum Realitätsverlust.

Herzog: Charaktere wie Becker oder auch Jan Ullrich haben jahrelang nur Lob erfahren. Irgendwann hielten sie sich für unbesiegbar und dachten, sie wären Gott oder sogar Gottva- ter. Darüber hinaus fehlt ihnen die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Das Geld kam immer nach, also konnten sie es mit vollen Händen ausgeben. Sie hatten die Überzeugung, dass immer neues nachwächst.

Und bei Schwierigkeiten?

Herzog: Habe ich Berater und Anwälte, die mich da rausboxen. Gewinnertypen wie Becker lernen leider oft wenig aus ihren Fehlern, sie sind beratungsresistent. Sie sind sich sicher, dass sie am Ende als Sieger vom Platz gehen. Becker war dafür bekannt, nach 0:2 Satzrückstand noch das Match zu drehen.

Typen wie Becker lernen oft wenig aus ihren Fehlern

Im Jahr 2002 wurde er wegen Steuerhinterziehung verurteilt – auf Bewährung. Matchball abgewehrt, quasi.

Herzog: Da ging es noch mal gut. Das hat er zum An-

lass genommen, sich zu sagen: „Damals hat mir mein Promibonus geholfen, das klappt dieses Mal sicher auch.“

Mit bekanntem Ausgang. Was lässt sich für Trainer oder Eltern daraus lernen?

Herzog: Den Eltern kommt eine wichtige Aufgabe zu. Es darf den Kindern niemals alles abgenommen werden. Hier entsteht sonst schnell eine Arroganz und leider oft Hilflosigkeit in bestimmten Situationen.

Für Manager nicht zwingend von Nachteil...

Herzog: Je unselbstständier die Sportler sind, desto mehr Macht haben die Eltern, Berater, Trainer, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Zum Glück gibt es verschiedene Typen, wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren.

Haben Sie Hoffnung, dass sich durch Fälle wie Becker auf breiter Basis etwas verbessert?

Herzog: Die Wahrscheinlichkeit ist leider gering. Der Sportler ist oft nur Mittel zum Zweck. Er bekommt viel Geld, hat ein schönes Leben. Und das soll dann rechtfertigen, dass er mit dem Druck und der Öffentlichkeit klarkommen muss. Das halten ohne oder mit der falschen Begleitung leider nur wenige aus.

Zu zweineinhalb Jahren Haft verurteilt: Tennis-Legende Boris Becker

Quelle: TZ, 5.05.2022
Foto: afp/Dennis

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