Interview mit Sportpsychologen: "Ist Per Mertesacker ein Einzelfall, Herr Herzog?" - sportbuzzer.de, 14. März 2018

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

sportbuzzer.de, 14. März 2018

Interview mit Sportpsychologen: "Ist Per Mertesacker ein Einzelfall, Herr Herzog?"

Ex-96-Profi Per Mertesacker berichtete vor wenigen Tagen in einem Interview offen über die hohe Belastung und den Druck im Profifußball. Wir sprachen mit dem Sportpsychologen und Bestsellerautor Matthias Herzog aus Garbsen über die Sportler-Angst vorm Versagen.

Druck und Stress sind im Profisport allgegenwärtig, doch kaum ein Athlet spricht darüber. Anders Ex-96-Profi Per Mertesacker (33), der vor wenigen Tagen offen wie nie berichtete, wie ihm die psychische Belastung jahrelang beinahe körperliche Schmerzen brachte. Sein Körper habe auf die hohe Erwartungshaltung vor jedem Spiel mit Brechreiz und Durchfall reagiert, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Druck, das kennen auch die aktuellen Spieler von 96 – und die Möglichkeit auf den großen Sprung, die Quali für Europa, scheint zu lähmen. Wir sprachen mit dem Sportpsychologen und Bestsellerautor Matthias Herzog aus Garbsen über die Sportler-Angst vorm Versagen.

Wie groß ist der Druck auf Profisportler tatsächlich, und ist Per Mertesacker ein Einzelfall?

Es ist extrem verbreitet, aber es ist sehr abhängig von Persönlichkeitstypen. Per Mertesacker ist eher introvertiert, sehr hilfsbereit, engagiert sich für die Jugend. Einer, der viel Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen legt. Andererseits ist er Perfektionist. Diese Art von Typen braucht Sicherheit, verfällt relativ schnell in Selbstzweifel und tut sich in Drucksituationen eher schwer. Es fällt ihnen leichter, wenn sie nicht so im Mittelpunkt stehen.

Da resultieren aus psychischen Problemen oft die körperliche Beschwerden, die er beschrieben hat. Durchfall und Übergeben sind sogar noch die geringsten Probleme. Oft kommen Schlafstörungen dazu, erhöhte Herzfrequenz, auch Panikattacken, es geht bis hin zu Verfolgungswahn. Die Spieler nehmen Druck nicht mehr als Herausforderung war, sondern als Bedrohung. Die Angst vorm Versagen ist oft riesig.

"Die sind ein bisschen wie Teletubbys auf Extasy"

Welche Typen gehen wie mit Druck um?

Es gibt vier Typen. Wir unterscheiden erstmal introvertierte und extrovertierte Menschen, da gibt es wieder zwei Untertypen. Bei den Introvertierten gibt es die menschenorientierten, Beispiel Mutter Theresa oder im Fußball Philipp Lahm. Der Unterstützer, der gern hilft. Die zweite Sorte ist sachorientiert, perfektionistisch, der Schnürsenkel-Bügler wie Sherlock Holmes oder Manuel Neuer. Ein Stratege, meistens in der Abwehr oder im Tor. Auf der anderen Seite stehen extrovertierte Typen, die gerne im Mittelpunkt stehen und viel besser mit Druck umgehen können. Extrovertierte auf der Sachebene sind Tarzantypen – Spieler wie Oliver Kahn, Lothar Matthäus, Stefan Effenberg. Die haben große Ziele, sind sehr dominant, wollen immer gewinnen, sind meist richtige Narzissten. Und es gibt die extrovertiert-menschenorientierten Typen. Die sind ein bisschen wie Teletubbys auf Extasy, absolute Entertainer, Typen wie Jürgen Klopp. Die sind immer für jeden Spaß zu haben. Grundsätzlich sind alle Menschen Mischtypen.

Die Faustregel: Extrovertierte brauchen den Druck, um überhaupt erst Topleistungen zu bringen. Die beste Motivation für den ist, wenn du ihm sagst: „Ich wette, das kannst du nicht.“ Wenn du das aber einem introvertierten Typen sagst, dann glaubt er das leider und lässt sich davon runterziehen.

Quelle: http://www.sportbuzzer.de/artikel/interview-mit-sportpsychologen-ist-per-mertesacker-ein-einzelfall-herr-herzog/

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