Sportbuzzer, 07. Mai 2021 - Deshalb hat der Abstiegskampf in der Bundesliga eine neue Qualität

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

Sportbuzzer, 07. Mai 2021

Deshalb hat der Abstiegskampf in der Bundesliga eine neue Qualität

Der Abstiegskampf in der Bundesliga spitzt sich zu. Im Tabellen-Keller geht es so eng zu wie lange nicht mehr. Sportpsychologe Matthias Herzog erklärt im SPORTBUZZER-Interview, welchen Belastungen die Profis ausgesetzt sind.

Matthias Herzog (44) ist seit Jahren als Sportpsychologe und Mentalcoach tätig. Er arbeitete unter anderem mit den Handballern des THW Kiel und Ex-Bundesligist Hannover 96 zusammen. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, erklärt er, warum in dieser Saison der Abstiegskampf in der Bundesliga eine neue Qualität hat.

SPORTBUZZER: Herr Herzog, die letzten drei Spieltage in der Bundesliga stehen an. An diesem Freitagabend geht die Zitterpartie im Abstiegskampf mit dem Spiel des Tabellen-13. FC Augsburg beim VfB Stuttgart (20.30 Uhr, DAZN) weiter. Verändert sich im Tabellenkeller im Kopf der Spieler kurz vor dem Saisonende etwas?

Matthias Herzog: Wenn eine Mannschaft am Abgrund steht oder der kurz vor dem Ende der Saison näher kommt, wird die Nervosität bei allen Beteiligten immer größer. Und natürlich geht die Situation nicht spurlos an den Spielern vorbei, sie schwirrt in den Köpfen. Vor allem in dieser speziellen Konstellation.

Was meinen Sie?

Für Spieler mit auslaufenden Verträgen geht es um ihre Existenz auf dem Profimarkt. In Zeiten von Corona lässt sich nicht voraussagen, wie es weitergeht. Die Klubs kämpfen mit finanziellen Problemen. Als Spieler weißt du nicht, was in der kommenden Saison passiert: Stabilisiert sich die Lage, weil Zuschauer wieder in die Stadien dürfen und damit wieder mehr Geld fließt? Oder geht es in dem aktuellen Status noch weiter? Das Geld wird nicht mehr so locker sitzen bei den Klubs. Das schürt Angst bei den Spielern.

Angst ist im Abstiegskampf selten hilfreich.

Genau. In einem Zustand der Angst können nur rund 60 Prozent der Leistungsfähigkeit abgerufen werden – und das reicht nicht. Da ist es wichtig, gegenzusteuern.

Warum greifen aber so wenig Vereine auf Mentaltrainer zurück?

Die Bundesliga ist ein Milliardengeschäft und in den Vereinen wird in diesem Bereich amateurhaft gearbeitet. Für viele ist das Hokuspokus. Es geht mir nicht darum, dass morgen mein Telefon nicht mehr stillstehen soll, aber schauen Sie sich an, was auf Schalke passiert ist. Spieler werden tätlich angegriffen, es wird vor dem eigenen Haus auf sie gewartet oder Morddrohungen ausgesprochen. Welcher Mensch wird in seinem Leben mit solchen Vorgängen konfrontiert und kann damit auch umgehen? Allein schon deswegen ist in so einem Business die externe Hilfe so extrem wichtig.

Warum die Zurückhaltung?

Die Spieler sind hier weniger die Ursache. Ihnen wird oft vorgegeben, was sie zu tun haben. Aber das muss vorgelebt werden von der Vereinsspitze und dem Trainerteam und darf auch nicht mehr als Zeichen von Schwäche angesehen werden, wenn Spieler einen Mentaltrainer oder Psychologen in Anspruch nehmen. Viele Trainer lehnen das ab, weil sie einen Machtverlust befürchten.

Früher sind Trainer wie Christoph Daum über Scherben gelaufen, um Vertrauen in die eigene Stärke zu zeigen. Sind solche Methoden heute noch zeitgemäß?

Nein, das sind damals schöne Effekte und Aktionen gewesen. Solche Aktionen funktionieren oft einmalig durch das Überraschungsmoment, müssen jedoch auch zur Situation passen und sind vorsichtig zu behandeln. Sehr gut funktionieren heute noch Teambuildingmaßnahmen, wie der Besuch eines Hochseilgartens. Die individuelle Arbeit, das persönliche Eingehen auf die Problemfelder stehen jetzt im Vordergrund. Wie jeder Mensch ist natürlich auch jeder Profi anders.

 Quelle: Sportbuzzer
Autoren: Tobias Manzke
Foto: © IMAGO/Poolfoto/Privat (Montage)

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