„Der Druck ist unmenschlich“ - WAZ, 15. März 2018

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

WAZ, 15. März 2018

Sportpsychologe Herzog spricht über Versagensängste. Fußballprofi Mertesacker gab den Debattenanstoß

WAZ | 15.03.2018

HANNOVER.. Druck und Stress sind im Profisport allgegenwärtig, doch kaum ein Athlet spricht darüber. Anders der frühere Fußball-Nationalspieler Per Mertesacker (33), der vor wenigen Tagen offen wie nie berichtete, wie ihm die psychische Belastung jahrelang beinahe körperliche Schmerzen brachte.

Druck, das kennen auch die Spieler von Hannover 96 – und er scheint sie zu lähmen. Wir sprachen mit dem Sportpsychologen und Bestsellerautor Matthias Herzog aus Garbsen über die Sportler-Angst vorm Versagen.

Ist der Fall Mertesacker ein Einzelfall?

Nein! So etwas ist extrem verbreitet, aber abhängig vom Persönlichkeitstyp.

Aus Drucksituationen resultieren oft körperliche Beschwerden. Durchfall und Übergeben sind noch die geringsten Probleme. Oft kommen Schlafstörungen dazu, erhöhte Herzfrequenz, Panikattacken, es geht bis hin zu Verfolgungswahn.

Die Spieler nehmen Druck als Bedrohung wahr. Die Angst vorm Versagen ist oft riesig.

Es heißt häufig, es gebe keine richtigen Anführer mehr im Fußball ...

Es gibt immer mehr introvertierte, zurückhaltende Spieler.

Die haben von Natur aus mehr Probleme mit Druck, können aber mit den richtigen Methoden lernen, damit umzugehen.

Aber das passiert noch viel zu selten.

Setzen Vereine vermehrt auf psychologische Unterstützung?

Viele nicht. Die meisten Talente scheitern nicht am Profibereich, weil sie zu schlecht spielen, sondern weil sie es mental nicht überstehen.

Dabei resultiert eine besonders hohe Verletzungsanfälligkeit oft aus Druck, Depression, Stress.

Aber die Vereine suchen nur nach körperlichen Ursachen.

Danach wird umso härter im Fitnessraum gearbeitet, aber die Frage ist doch: Arbeiten die auch an der Birne? Zu häufig leider nicht, da gibt es für die Zukunft noch extrem viel Potenzial.

Nach dem Suizid von Robert Enke war Fußball-Deutschland geschockt, wollte mehr tun für psychische Gesundheit von Spielern. Hat sich wirklich so wenig geändert?

Es sagen alle: Wir kümmern uns. Aber die wenigsten kümmern sich wirklich. Die meisten Trainer denken immer noch, dass sie alle Probleme allein lösen könnten. Auch, weil sie die Sorge haben, dass es ein Machtverlust ist.

Aber wenn’s schlecht läuft, setzen die Clubs dann doch auf Mentaltrainer ...

Genau! Das ist aber totaler Blödsinn. Wenn es nicht läuft, ist es meistens schon viel zu spät.

In Hannover gehen die Profi-Handballer der Recken besser mit der Aussicht auf eine überraschend gute Saison und dem daraus folgenden Druck um als die 96-Fußballer, die derweil wie gelähmt wirken. Warum reagieren die Sportler so unterschiedlich?

Das sind beides Profiteams, aber man muss schon deutlich unterscheiden zwischen den Sportarten. Die Erwartungshaltung ist bei den Handballern viel geringer. Von der Vereinsführung, auch von den Fans. Das macht es leichter.

Da wandeln sie den Druck in positive Energie, in Euphorie. Sie gehen über ihre Grenzen hinaus. Beim Fußball und bei 96 ist der Druck viel, viel größer, da stehen die Spieler viel mehr noch im Blickpunkt von allen Seiten, die Fans sind extremer.

Stichwort Stimmungsboykott?! Wenn du machen kannst, was du willst, und bekommst keine Anerkennung dafür – irgendwann kann die Mannschaft eine solche Erfahrung nicht mehr kompensieren.

Interview von Jonas Szemkus

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