Charaktere wie Becker denken, sie wären Gott - Münchener Merkur, 03. Mai 2022

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

Münchener Merkur, 03. Mai 2022

Charaktere wie Becker denken, sie wären Gott

Mentaltrainer Matthias Herzog im Interview über Tücken des Sportstar-Lebens
München – Der (Steuer)-Fall des Boris Becker wirft viele Fragen auf: Wie konnte es so weit kommen, dass einer der größten deutschen Sporthelden nicht nur sein Vermögen, sondern jetzt auch noch seine Freiheit verlor? Welches Maß an Selbstüberschätzung ist dafür nötig? Und was können wir fürs Leben daraus lernen? Unser Interview mit dem bekannten Mentaltrainer Matthias Herzog:

Herr Herzog, wurde Boris Becker zur Hilflosigkeit erzogen?
Spitzensportler wie Boris Becker kennen oft das wahre Leben nicht. Bereits als Kind wird ihnen alles abgenommen. Sie wissen, wann sie wo zu sein haben. Andere kümmern sich um Einkauf, Abwasch, Putzen. Nicht nur das eigene Denken wird ihnen abgenommen, sondern auch das Handeln. Sie lernen nur: „Ich bekomme alles, was ich will! Und brauche dafür nur meinen Sport auszuüben.“

Eine Anleitung zum Realitätsverlust.
Charaktere wie Boris Becker oder auch Jan Ullrich haben jahrelang nur Lob erfahren. Irgendwann hielten sie sich für unbesiegbar und dachten, sie wären Gott oder sogar Gottvater. Darüber hinaus fehlt ihnen die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Das Geld kam immer nach, also konnten sie es mit vollen Händen ausgeben. Sie hatten die Überzeugung, dass immer neues nachwächst.

Und bei Schwierigkeiten?
Habe ich Berater und Anwälte, die mich da rausboxen und das für mich regeln. Wofür bezahle ich die sonst? Das hat Becker im Sport begleitet, das hat er auf sein Leben danach übertragen.

Was ein bisschen blauäugig war. Milde formuliert.
Gewinnertypen wie Boris Becker lernen leider oft wenig aus ihren Fehlern, sie sind be- ratungsresistent. Sie sind sich sicher, dass sie am Ende als Sieger vom Platz gehen. Boris Becker war immer schon der Typ: „Alles oder nichts – Serve & Volley.“

2002 wurde Becker bereits wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Auf Bewährung. Matchball abgewehrt, quasi.
Da ging es nochmal gut. Das hat er zum Anlass genommen, sich zu sagen: „Damals hat mir mein Promibonus geholfen für ein geringeres Strafmaß, das klappt dieses Mal sicher auch.

Mit bekanntem Ausgang. Was lässt sich für Trainer oder Eltern daraus lernen?
Den Eltern kommt eine wichtige Aufgabe zu. Oft sind Kinder Projekte der Eltern, werden förmlich gezüchtet. Der Traum der Eltern wird im Kind weitergelebt. Wenn Eltern es selbst nicht geschafft haben, im Sport ein Star zu werden, dann sollen das die Kinder packen. Auch Berater, Manager und Vereine müssten die jungen Menschen viel besser begleiten und aufs wahre Leben vorbereiten. Es darf ihnen niemals alles abgenommen werden. Hier entsteht sonst schnell eine Arroganz, Selbstüberschätzung und leider oft Hilflosigkeit in bestimmten Situationen.

Für Manager nicht zwigend von Nachteil...
Je unselbstständiger die Sportler sind, desto mehr Kontrolle und Macht haben die Eltern, Berater, Manager, Trainer, um eigene Interessen durchzusetzen. Zum Glück gibt es verschiedene Typen, wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren. Pep Guardiola zum Beispiel will die komplette Macht über seine Spieler. Jürgen Klopp ist eine positive Ausnahme, er lässt seine Spieler selber denken.

Quelle:
Münchener Merkur, 3.05.2022

FOTO: DPA/AUGSTEIN

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