Nach Mertesacker-Äußerungen: Brauchen Fußballer den Psychologen? - spiegel.de, 12. März 2018

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

spiegel.de, 12. März 2018

Wenn im Sport vom Druck die Rede ist, ist schnell der Motivationstrainer Matthias Herzog zur Stelle. Als die Spieler von Borussia Dortmund im Vorjahr einen Bombenanschlag zu überstehen hatten, ... - der Promi-Motivator Herzog

Spiegel.de | 12.03.2018

Wenn im Sport vom Druck die Rede ist, ist schnell der Motivationstrainer Matthias Herzog zur Stelle. Als die Spieler von Borussia Dortmund im Vorjahr einen Bombenanschlag zu überstehen hatten, wenn Boxer Klitschko zum letzten Gefecht antritt oder wenn Thomas Tuchel sich beim BVB mit dem Vorstand verkracht hat - der Promi-Motivator Herzog hat zu allem eine Einschätzung.

Herzog hat sich nun auch nach den Aufsehen erregenden Äußerungen von Per Mertesacker zu Wort gemeldet. Dem Sportinformationsdienst teilte er seinen Argwohn mit, ob Mertesackers Worte über den extremen Leistungsdruck, den er empfunden hat, wirklich Konsequenzen hätten. "Die Spieler haben Angst, Schwäche zu zeigen und zu Mentaltrainern zu gehen", sagte Herzog. Viele Profis würden befürchten, dann nur noch auf der Bank zu sitzen oder keinen neuen Vertrag mehr zu bekommen.

Ohnehin glaubt er, dass "viele Bundesligisten Mentaltrainer nur pseudomäßig engagieren". Gerade die modernen Trainer würden Mentalcoaches eher als Konkurrenz ansehen.

"Bei uns herrschen keine Ressentiments"

So viel Skepsis - da gehen die Vereine nicht unbedingt mit. "Selbstverständlich haben die Profis stets die Möglichkeit, sportpsychologische Hilfen in Anspruch zu nehmen", sagt Dirk Mesch, Pressesprecher bei Erstligist Bayer Leverkusen. Der Klub biete "praktische Angebote" und gehe auch auf "exklusive Wünsche einzelner Spieler" ein, sagt Mesch. Mit einem Seitenhieb auf Experten wie Lothar Matthäus, der sich am Wochenende despektierlich zu Mertesacker geäußert hatte, sagt Mesch: "In diesem Zusammenhang herrschen bei uns keinerlei Ressentiments."

Der Nachbar 1. FC Köln hat psychologische Hilfe seit zwei Jahren in seinem Nachwuchsleistungszentrum etabliert. Die Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule wurde im Januar 2016 gestartet, damals konnte der FC mit Fug und Recht behaupten, dass es sich um ein Projekt handelt, das "in dieser Form wahrscheinlich einzigartig in Deutschland ist", sagte Jörg Jakobs, damals der verantwortliche Sportdirektor. Jakobs ist nicht mehr im Verein, beim FC haben sich ohnehin fast alle Dinge umgewälzt, aber an dem Projekt hält der Verein fest.

Schon die Jahrgänge U8 und U9 der FC-Bambini haben dort einen Ansprechpartner, wenn sie Probleme haben. Da geht es um Leistungsdruck, aber auch um solche Themen wie ausreichende Erholung, genug Schlaf, den Umgang mit Stress. Genau die Dinge, die dem angehenden Nachwuchscoach Mertesacker für seine künftige Arbeit beim FC Arsenal wichtig sind.

Hermann aus dem DFB-Team nicht wegzudenken

Der frühere Nationalspieler hat davon gesprochen, dass er sich nicht getraut habe, psychologische Hilfe wahrzunehmen, auch wenn es Angebote gab - um keine Schwäche zu zeigen. Das dürfte nach wie vor ein Hemmnis sein, auch wenn Hertha-Mediendirektor Marcus Jung betont, man pflege "bei diesem Thema einen offenen Dialog mit den Profis", einige der Herthaspieler würden zudem "privat in diesem Bereich an sich arbeiten". So richtig ins Detail, ob und wie die Psychologen eingebunden und tatsächlich angefragt sind, wollen die Vereine aber nicht gehen.

Der SC Freiburg verzichtet im Profibereich noch auf einen Psychologen. "Im Trainerstab haben Christian Streich und Torwarttrainer Andreas Kronenberg ein Studium mit pädagogischem Hintergrund", verweist Pressesprecher Sascha Glunk: "Abgesehen davon glauben wir, dass die Kommunikationswege und das Vertrauensverhältnis zwischen Spielern und Verantwortlichen in Freiburg intakt sind."

Als viele Vereine über Psychologie im Fußball noch gelächelt haben, hat man bei der Nationalmannschaft das Thema bereits in die Arbeit integriert. Hans-Dieter Hermann arbeitet bereits seit 2004 für das DFB-Team, eine Initiative des damaligen Teamchefs Jürgen Klinsmann. Er hatte im Verband auch mit dieser Maßnahme erhebliche Widerstände zu überwinden, heute ist Hermann aus dem Team von Joachim Löw nicht wegzudenken.

"Der Eindruck von funktionierenden Jungs, die ständig eine ratgebende Entourage um sich haben, täuscht", hat er schon 2013 in einem seiner eher seltenen Interviews der "Zeit" gesagt, er mag da auch an Mertesacker gedacht haben: "Fußballspieler auf diesem Leistungsniveau sind von der Öffentlichkeit intensiv beobachtete Hochleistungssportler, die schnell in Ungnade fallen, wenn sie eine erwartete oder geforderte Leistung nicht bringen."

Hermann hatte schon vor Jahren eine "größere Nachfrage nach psychologischer Unterstützung" registriert. Ob das alle Spitzenvereine auch so sehen, ist allerdings fraglich.

Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-vereine-bieten-sportpsychologische-beratung-an-a-1197660.html

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