Wolfsburger Nachrichten, 20. Mai 2017

Von Matthias Herzog, (Kommentare: 0)

Wolfsburger Nachrichten, 20. Mai 2017

„Angst wäre die größte Erfolgsblockade“

Vor dem Relegations-Endspiel in Hamburg erklärt Matthias Herzog, worauf es ankommt.

Wolfsburg. Es ist das wichtigste VfL-Spiel der vergangenen Jahre. Die Wolfsburger stehen heute im Relegations-Endspiel beim Hamburger SV unter enormem Druck.

Verlieren ist verboten. Was in so einer Situation wichtig ist, welche Rolle die Trainer spielen und wie Angst die Spieler lähmen kann, erklärt der Sportpsychologe Matthias Herzog aus Hannover.

Welche psychologischen Faktoren spielen in so einer extremen Drucksituation eine Rolle?

Eine wichtige Rolle spielen die psychologischen Prozesse im Gehirn: Motivation, Stress und Emotion. Die Motive sind individuell bei jedem Spieler unterschiedlich ausgeprägt. Beim Stress ist entscheidend, ob die Spieler dieses Endspiel als positiven Stress, also Eustress, wahrnehmen. Eustress ist sogar leistungsfördernd. Wenn die Spieler das Spiel jedoch als negativen Stress wahrnehmen, also Distress, wird die Leistung gehemmt. Damit eng verbunden sind die Emotionen. Die Hauptemotionen der Spieler auf dem Platz sind Freude und Angst. In einem Zustand von Angst können die Spieler höchstens 60 Prozent ihrer Leistung abrufen.

Ist es aus psychologischer Sicht ein Vorteil, dass der HSV zu Hause spielt?

Normalerweise gelten die Fans in einem Heimspiel nicht umsonst als 12. Mann. Der HSV hat von seinen neun Siegen diese Saison sieben zu Hause geholt. Wenn der HSV die Relegation vermeiden will, dann schafft er es am ehesten im eigenen Stadion. Gleichzeitig haben die HSV-Spieler den Druck im Rücken, dass sie das Spiel gewinnen müssen, um sicher gerettet zu sein. Dieser Druck wird die Leistung hemmen, sobald die Spieler Angst empfinden. Angst wäre hier die größte Erfolgsblockade.

Der HSV hat bereits zweimal Relegation gespielt. Ist der richtige Umgang mit Drucksituationen wie dieser erlernbar?

Falls der HSV zum dritten Mal in die Relegation muss, kommt ihnen tatsächlich zugute, dass viele Spieler diese Situation bereits kennen. Diese Erfahrungen sind normalerweise sehr hilfreich, um eine erneute Relegation mit der nötigen Portion Selbstvertrauen anzugehen. Beim VfL Wolfsburg ist es hingegen für jeden Spieler eine komplett neue Situation und dann noch gegen den Gegner Eintracht Braunschweig, gegen den in der regulären Bundesligasaison 2013/2014 nur ein Punkt geholt wurde. Hier ist die Ausgangslage vergleichsweise ungünstig.

Welche Fähigkeiten oder Charaktereigenschaften müssen die Wolfsburger mitbringen, um in Hamburg zu bestehen?

Die Wolfsburger haben in dieser Saison auswärts stärker gepunktet als zu Hause. So gilt es im Hinterkopf zu behalten, ein starkes Auswärtsteam zu sein. Mit dem Mut und Selbstvertrauen, das die Wolfsburger in den siegreichen Auswärtsspielen hatten, sollten sie auch in Hamburg auftreten. Die Mannschaft fährt am besten, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnt und die auch umsetzt, gleichgültig wie wichtig dieses Spiel ist. Wenn jeder Spieler sich auf das letzte Spiel der Saison freut und darüber hinaus sein Bestes gibt, kann es nur ein gutes Spiel für die „Wölfe“ werden, denn mit dieser Einstellung werdendie Spieler mit der nötigen Lockerheit auf dem Platz stehen.

Während der HSV ein Kurz-Trainingslager bezieht, will VfL-Trainer Andries Jonker die Vorbereitung für seine Spieler so normal wie möglich ablaufen lassen. Welche Herangehensweise ist aus psychologischer Sicht sinnvoller?

Beide Herangehensweisen können erfolgreich sein. Ich persönlich halte jedoch mehr von der Jonker-Strategie, dieses Spiel mit so viel Normalität wie möglich anzugehen. Dann stehen die Chancen gut, dass die Spieler mit einer gewissen Lockerheit ins Spiel gehen. Und besonders Mario Gomez braucht die Lockerheit, um treffen zu können.

Welche Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Psyche der Spieler haben die jeweiligen Trainer in so einer Situation?

Die Trainer können Druck erzeugen oder den Druck von den Spielern nehmen. Sie können mit der richtigen Ansprache zusätzliche Energie freisetzen. Wichtig ist, dass beide Trainer individuell auf jeden einzelnen Spieler eingehen. Jeder Spieler hat andere Lebensmotive und braucht seine persönliche Ansprache. In der Besprechung direkt vor dem Spiel und in der Halbzeitpause müssen die Trainer die richtigen Worte, mit Emotionen untermalt, finden, um das Team als Ganzes anzusprechen.

Gibt es Tricks oder Kniffe, mit denen sich die Spieler besser vorbereiten können?

Jeder Spieler muss für sich die passenden Tricks finden. Manche passen für den einen, funktionieren bei anderen jedoch überhaupt nicht. Einige Spieler können sich mit schneller, aggressiver Musik in einen guten Zustand bringen, andere brauchen eher langsamere, beruhigendere Musik. Positive Selbstgespräche – auch Autosuggestionen genannt – funktionieren bei vielen Spielern sehr gut, auch während eines Spiels. So lassen sich negative Gedanken wegschieben. Vor einem Spiel dürfen die Spieler nur ihre eigenen Stärken sehen. Die eigenen Schwächen haben direkt vor einem Spiel und während des Spiels im Kopf des Spielers nichts zu suchen.

Quelle: Wolfsburger Nachrichten
Autor: Timo Keller
Foto: regios24/Simka

 

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